-Hals aus der Schlinge"?-

Vom "Mascherl" zur Krawatte, und was dahinter steckt. Von Thomas Brey, dpa.

Das Zerwürfnis zwischen Brüssel und Wien hat eines der bekanntesten
Mode-Tabus Österreichs gebrochen. Bundeskanzler Wolfgang Schüssel (ÖVP),
jahrzehntelang der "Mann mit dem Mascherl", hat beim EU-Gipfel in Lissabon
erstmals eine Krawatte getragen. Die Begründung der Mitarbeiter Schüssels
("Sieht eben gut aus") wollte aber so recht niemand glauben. Denn bei
früheren Tagungen der EU hatten verschiedene Minister wiederholt "Mascherl,
nein danke"-Aufkleber aus Protest gegen die neue rechtskonservative
Regierung am Anzugsrevers getragen. "Eine Art Normalisierungs-Masche?" fragt
am Mittwoch die Zeitung "Der Standard". Dem Boykott der 14 EU-Partner
Österreichs ist damit gelungen, was Mode- und Image-Berater Schüssels über
viele Jahre nicht geschafft hatten. Diese Experten hatten gebetsmühlenartig
beteuert, Schüssels Fliegen seien modisch nicht mehr auf der Höhe der Zeit.
Protokollbeamte hatten zuletzt beim Empfang des Bundespräsidenten die Nase
gerümpft, als Bundeskanzler Schüssel seine geliebte "Masche" sogar zum
vorschriftsmäßigen Gehrock, dem Cut, getragen hatte - in puncto
Kleidervorschrift ein absoluter Stilbruch. "Nur noch die Kellner beleidigt"
Die heimischen Zeitungen machten sich denn auch am Freitag Gedanken über
"die Krawatte als des Kanzlers Masche". "Nach Schüssels modisch-taktischem
Rückzug konnte man" mit dem Anstecker mit der durchgestrichenen Fliege "in
Lissabon nur noch Kellner beleidigen", freute sich die konservative Zeitung
"Die Presse". Und das Massenblatt "Kurier" witzelte, mit diesem Mode-Schwenk
habe der Kanzler seinen "Hals aus der Schlinge" gezogen. "Ein erster
sichtbarer Erfolg des EU-Boykotts? Hat Schüssel vor dem europäischen
Bekleidungsdiktat kapituliert?" sorgt sich die Zeitung. 
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