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TV-
Rede von Bundespräsident Dr. Thomas Klestil
am
4. Februar 2000 im Wortlaut
Liebe Österreicherinnen und Österreicher! Ich habe heute eine Koalitionsregierung
von ÖVP und FPÖ angelobt. Heftige innen- und außenpolitische Diskussionen
sind dieser Regierungsbildung vorangegangen, die mich mit Sorge und Betroffenheit
erfüllen. Monatelange Bemühungen, eine tragfähige, personell erneuerte
Koalition zwischen SPÖ und ÖVP zustande zu bringen, sind gescheitert -
nicht zuletzt an der Abnützung einer bereits seit 13 Jahren bestehenden
Partnerschaft. ÖVP und FPÖ haben eine Mandatsmehrheit im Parlament, die
in einer Demokratie zu respektieren ist. Der Wille der beiden Parteien,
eine Koalition zu bilden, ist daher in einem demokratischen Rechtsstaat
zu akzeptieren. Die neue Regierung, die heute ihre Arbeit antritt, bedeutet
für Österreich eine große politische Veränderung, die von vielen gewünscht
wurde, bei vielen aber auch auf Skepsis oder gar Ablehnung stößt. Die
Reaktionen auf diese Regierungsbildung sind so heftig, daß im In- und
Ausland große Überzeugungsarbeit geleistet werden muß, um Vorurteile und
unberechtigte Kritik zu entkräften. Auf meinen Wunsch hin haben die Parteiobmänner
von ÖVP und FPÖ gestern eine Erklärung unterschrieben, die ein klares
Bekenntnis zur Europäischen Union und zu deren Grundwerten enthält. In
dieser Erklärung heißt es: "Die Bundesregierung bekennt sich zum Friedensprojekt
Europa. Die Zusammenarbeit der Koalitionsparteien beruht auf einem Bekenntnis
zur Mitgliedschaft Österreichs in der Europäischen Union. Die Bundesregierung
ist den Grundsätzen der Freiheit, der Demokratie, der Achtung der Menschenrechte
und Grundfreiheiten sowie der Rechtsstaatlichkeit verpflichtet. In der
Vertiefung der Integration und der Erweiterung der Union liegt auch Österreichs
Zukunft. Österreichs Geschichte und geopolitische Lage sind ein besonderer
Auftrag, den Integrationsprozeß voranzutreiben und den europäischen Gedanken
noch stärker im Alltag der Menschen zu verankern." Weiters heißt es: "Die
Bundesregierung tritt für Respekt, Toleranz und Verständnis für alle Menschen
ein, ungeachtet ihrer Herkunft, Religion oder Weltanschauung. Sie verurteilt
und bekämpft mit Nachdruck jegliche Form von Diskriminierung, Intoleranz
und Verhetzung in allen Bereichen. Sie erstrebt eine Gesellschaft, die
vom Geist des Humanismus und der Toleranz gegenüber den Angehörigen aller
gesellschaftlichen Gruppen geprägt ist. Die Bundesregierung bekennt sich
zum Schutz und zur Förderung der Menschenrechte und setzt sich für ihre
bedingungslose Realisierung auf nationaler wie auf internationaler Ebene
ein. Dies ist auch ein wichtiger Beitrag, um vorbeugend Kriege und interne
Konflikte zu verhindern, die Menschen in ihren Rechten verletzen, vertreiben
oder zum Verlassen ihrer Heimat zwingen." Ich werde den vollen Wortlaut
dieser Erklärung mit einem persönlichen Schreiben allen Staats- und Regierungschefs
der Europäischen Union sowie den Präsidenten der Vereinigten Staaten und
Israels übermitteln. Ich habe gestern Dr. Schüssel und Dr. Haider klargemacht,
daß eine Mißachtung der in der Erklärung niedergelegten Bekenntnisse zu
Europa und zum österreichischen Rechtsstaat schwerwiegende innen- und
außenpolitische Folgen haben wird. Liebe Landsleute! Österreich ist eine
stabile Demokratie, ein funktionierender Rechtsstaat, der sich über Jahrzehnte
Ansehen in der internationalen Staatengemeinschaft erworben hat. Jetzt
gilt es, dieses Ansehen gemeinsam zu bewahren und zu fördern. Ich bitte
daher alle politischen Kräfte unseres Landes, alle Österreicherinnen und
Österreicher und auch unsere Partner in der Europäischen Union und in
der Welt, der neuen Bundesregierung eine Chance zu geben und sie nach
ihrer Arbeit zu beurteilen. An die Mitglieder der Bundesregierung appelliere
ich, im Geiste der europäischen Werte zu handeln und sich mit aller Kraft
dafür einzusetzen, daß Österreich jene internationale Akzeptanz und Anerkennung
findet, die es verdient. Ich verspreche Ihnen, daß ich darüber wachen
werde, daß es in unserem Land zu keinen Entwicklungen kommt, die den Werten
der Europäischen Union und der internationalen Staatengemeinschaft widersprechen.
Ich werde auch alle meine internationalen Kontakte einsetzen, damit unser
Land keinen nachhaltigen Schaden erleidet. Ich werde mit Überzeugung vertreten,
daß Österreich ein gutes Land ist, mit positiven Menschen und einer weltoffenen
Zukunftsgeneration, die es zu fördern und nicht auszuschließen gilt. Österreich
verdient es, in der Europäischen Gemeinschaft und in der Welt als verläßlicher
Partner anerkannt zu werden. Ich bitte Sie, liebe Österreicherinnen und
Österreicher, für diese große Aufgabe um Ihre Unterstützung und Ihr Vertrauen!
Weitere
Berichterstattung auf http://www.p-tv.at/neu.htm
sowie auf http://www.iq-world.com.
©p-tv2000
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