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Die
Kunst der Killerphrase
Wie politisch engagierte Künstlerinnen und Künstler derzeit
gemobbt werden
von
Elisabeth
Pechmann
Nitsch motzt am Opernball, Mortier geht oder geht nicht, Jelinek verhängt
ein Aufführungsverbot. Über den Wert dieser Statements zur aktuellen
politischen Lage könnte man diskutieren. Tun aber die wenigsten.
Stattdessen
rüsten weite Teile Österreichs - und zwar nicht nur die Tiefenregionen
zwischen Staberl und Stammtisch - zum Frontalangriff auf die handelnden
Personen und ihre Werke. Beliebter erster Argumentationsanlauf: "Das
ist
doch keine Kunst." Schon falsch. Der Begriff "Kunst" ist
kein Werturteil.
Kein amtliches Gütesiegel. Kein Hilfshauptwort für Gefallen
oder
Nichtgefallen. Nur eine neutrale Definition für bestimmte menschliche
Aktivitäten. Nächste Killerphrase: "Kunst kommt von Können."
Wieder daneben.
Nein, jetzt folgen keine philosophischen Arabesken. Nur ein etymologischer
Sidestep und ein historischer Verweis. Erstens: Egal, bis zu welcher
indogermanischen Wortwurzel man gräbt, man stößt nicht
auf Begriffsverwandte
wie Fingerfertigkeit oder handwerkliche Fähigkeit, sondern auf Wissen,
Weisheit und Kenntnis. Zweitens: Einer der prominentesten
Kunst-kommt-von-Können-Propagandisten hieß Joseph Goebbels.
Ich denke, das
kann kein Zufall sein. Doch warum überhaupt diese Flucht in die Phrase?
Und
warum immer nur in diesem Zusammenhang? Es ruft doch auch niemand: "Das
ist
kein Essen!", wenn ihm der Tafelspitz nicht schmeckt. Ich fürchte,
die
genannten kunstkritischen Plattitüden sind längst zu bürgerlichen
Codes
mutiert. Entschlüsselt bedeuten sie wahrscheinlich nichts anderes
als "nie
gehört", "kotzt mich an" oder "versteh' ich nicht".
Plus: "Aber das trau'
ich mich nicht zu sagen."
Mehr Mut zur Unsicherheit, wertes Publikum, mehr Courage zum ausgetragenen
Konflikt! Von mir aus debattiert über "anziehend" oder
"abstoßend", über
"originell" oder "ordinär", über "stark"
oder "saftlos", über "berührend"
oder "beliebig". Oder, oder, oder. Aber lasst doch Kunst auch
dann Kunst
sein, wenn sie euch nicht unter die Nase geht. Das darf sie nämlich.
Fundamentalisten würden sogar meinen: Das muss sie ja, damit was
weitergeht.
Wie bitte? Nitsch ist grauslich, Pinkeln auf der Bühne indezent,
moderne
Kunst unfassbar? Aber so ist auch das Leben, das sich darin spiegelt.
Und
wenn jemand nur deshalb ins Theater geht, um sich genau davon ablenken
zu
lassen, ist das keine zulässige Kritikkategorie. Sondern lediglich
ein -
legitimer - persönlicher Entscheid zum Thema Kunstkonsum. Diese
Feindseligkeit gegenüber Kreativen, die thematisieren, dass uns das
Menschsein nicht nur Segen bringt, verblüfft eigentlich schon aus
rein
logischer Überlegung. Wie unsinnig es ist, statt der Ursachen die
Überbringer schlechter Nachrichten zu beseitigen, müsste sich
doch seit der
Antike hinlänglich herumgesprochen haben.
*
Und dann immer wieder dieser Beifall heischende Verweis auf Subventionen
und
verschwendetes Steuergeld. Kunstförderung heißt Kunstförderung
und nicht
Kommerzstützung. Es geht nicht um Belohnung von Gefälligkeit,
sondern um
Ermutigung jener, die auf wenig bis nicht ausgetretenen Pfaden unterwegs
sind. Nicht um das Diktat des breiten Zeitgeschmacks, sondern um eine
Investition ins Morgen.
Zu theoretisch? Vielleicht hilft die Erinnerung daran, dass so manche
inzwischen anerkannte Kunstform - beispielsweise der heute selbst im
kleinsten Kaff verehrte Jugendstil - zu ihrer Entstehungszeit als
geschmacklicher Gottseibeiuns gehandelt wurde.
Klar mag unter den geförderten Arbeiten was sein, das irritiert,
das vielen
nicht gefällt, das sich à la longue zum Flop mausert. Aber
wer grundsätzlich
zu Fortschritt, zivilisiertem Gemeinwesen und repräsentativer Demokratie
steht, muss damit ohne Geiferanfall klarkommen. Und sollte sich eher dann
aufregen, wenn Kunsteinrichtungen gefördert werden, die ein kompromisslos
kommerzielles Programm fahren - denn sich mit Bestsellern und Gassenhauern
selbst erhalten zu können wäre eigentlich keine Kunst.
Elisabeth Pechmann ist Chefredakteurin des Magazins "Alles Auto"
und lebt in
Wien.
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