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sollst Haider nicht entlarven! Von Armin Thurnher Man wird bescheiden. Und man verzweifelt. Nein, es kommen keine patriotischen Reflexe bei einem Österreicher auf, der zusieht, wie halb Medieneuropa in einer Art Laborversuch jene Fehler wiederholt, die in Österreich im Umgang mit Jörg Haider seit 1986 gemacht werden. Einst habe ich in meiner Zeitung, dem Wiener Falter, ein Bilderverbot gegen Haider verhängt, um darauf hinzuweisen, wie die Sprache der Bilder propagandistisch gerade auch dort wirkt, wo der Text kritische Auseinandersetzung versucht. Tatsächlich wirkte Haider wie Sex, nur nicht so schmuddelig; ideal für Titelblätter anständiger Magazine, die sonst auf Gesundheitsgeschichten ausweichen müssen, um nackige Frauen bringen zu dürfen. Durch unser Bilderverbot sah Haider übrigens, wie er sagte, sein Menschenrecht aufs eigene Bild verletzt. »Haider aufhalten!«, rufen die Chefredakteure und setzen daneben Bilder von ihm, die ihn als unaufhaltsamen Sieger zeigen. »Haider entzaubern!«, versprechen die Zampanos und enden als Stichwortbringer des Zitatenzauberers. Wer ist hier die Quotennutte? Wer der Zuhälter? Es gibt jedenfalls, so erstaunlich das für die geballte Reflexionswut klingen mag, die jetzt im europäischen Feuilleton losbricht, tatsächlich eine Tradition der Haider-Auseinandersetzung. Vor einiger Zeit (1994) erschien ein Buch mit dem Titel Schlagwort Haider, das dessen Aussagen im Detail dokumentiert. Es enthält einen Text des Sprachforschers Franz Januschek, der den Umgang von Politikern und Journalisten mit Haider untersuchte. Die folgenden zehn Gebote für den Umgang mit Haider sind daraus abgeleitet und aktualisiert. 1. Du sollst Haider nicht dämonisieren. Der Rechtspopulismus hat seine Gefahren, aber wenn Haider als Mann mit der Fackel in der Hand gesehen wird, der den Weltbrand entfacht, besorgt man nur sein Geschäft, mehr Aufmerksamkeit zu bekommen. Die Welt brennt aus anderen Gründen. Aber man heizt die Quote an. 2. Du sollst Dich nicht in seinen Diskurs verstricken lassen. Bei Herrn Böhmes Diskussionssendung auf n-tv am 6. Februar wurde aus dem Angegriffenen schnell der Angreifer Haider. Beim derzeitigen desolaten Zustand der deutschen Politik möchte er gar nicht nach Deutschland, sagte er. Und wenn, klang an (das brauchte er nicht zu sagen), dann würde ich aufräumen hier! 3. Du sollst auf seinen metapolitischen Trick nicht hereinfallen. Haider weicht stets auf eine Position aus, in der die komplizierte Tagespolitik ganz einfach erscheint und er, der Außenstehende, über den in Komplexität und Meinungsstreit verfilzten Partnern steht, sie scheinbar souverän kritisiert und scheinbar einfache Lösungen hat: »Wann endlich«, fragt er dann, »kümmern sich die Politiker um die Menschen?« 4. Du sollst seine beiden Tricks, die Anspielung und die Schmähung, durchschauen. Haider evoziert höchstens einen NS-Diskurs, aber führt ihn nicht selbst. Auf die Frage nach seiner Rede vor Angehörigen der Waffen-SS sagte er in einem Post-Böhme-Haider-Entlarvungsinterview diese Woche: »Ich habe nicht vor Angehörigen der Waffen-SS gesprochen, sondern vor Veteranen, die jedes Jahr zum Ulrichsberg zu einer Gedenkfeier kommen.« (Gemeint war seine Rede in Krumpendorf, das liegt ganz woanders.) »Bei diesen Veranstaltungen sind Politiker aller Parteien anwesend, und regelmäßig liest der Bischof oder ein hoher kirchlicher Würdenträger die Messe.« In Krumpendorf war Haider mit den alten Kameraden allein! 5. Du sollst Zitate belegen können. Im Fernsehen empfiehlt es sich, auf Video Zitate einzuspielen, die Haider soeben abgestritten hat. »Dieses Bild zeigt nicht mich«, »Dieses Band wurde am Schneidetisch manipuliert«, »Dies ist nicht mein Körper« wären vorhersehbare Reaktionen Haiders. 6. Du sollst Haider nicht die Themen vorgeben lassen. Es ist nie falsch, als Gesprächspartner sich an die eigene Frage zu erinnern, statt sich mit Haiders Gegenfrage zu beschäftigen. »Herr Haider, warum beantworten Sie jede Frage mit einer Gegenfrage?« - »Können Sie mir das beweisen?« 7. Du sollst nicht zu ihm, gar mit ihm, in Besserungsabsicht sprechen. Sage, was du zu sagen hast, wie du es sagen willst, nicht, wie er es hören möchte. Nachdem die Gesprächspartner Haider »nett und sympathisch« zu finden beginnen, fangen sie meist an, ihn aufzufordern: »Jetzt entschuldigen Sie sich doch einmal, jetzt sagen sie doch einmal, dass Sie kein Nazi sind, jetzt distanzieren Sie sich doch von ...« 8. Du sollst Haiders Distanzierungen von eigenen Sprüchen als Erfüllung seiner Provokationen durchschauen und als Teil seiner Strategie, in der öffentlichen Debatte Positionen zu besetzen. So viel über »Drittes Reich« und die Ehre der alten Kameraden, darüber, wie viel Rassismus gerade noch erlaubt ist oder nicht, was Haiders Kameraden alles gefordert haben oder eben nicht, bringt man doch sonst nie in die Hauptsendezeit! 9. Du sollst Haider nicht zwanghaft entlarven. »Sagen Sie, waren Sie nicht 1950 für den Anschluss?«, gehört in diese Kategorie. Da wäre es gut, zu wissen, dass Haider in diesem Jahr geboren wurde; aber auch, dass er längst das Ende der »Deutschtümelei« ausgerufen hat: Er ist jetzt Österreichpatriot. 10. Du sollst den Sinn seiner Blasphemien kennen. »Christliche Heilserwartungen werden zu seinen Gunsten mobilisiert, aber auf derart gotteslästerliche Weise, dass diese Mobilisierung gerade bei denen nicht gelingen kann, die diese Heilserwartung hegen« (Januschek). Hier habt ihr einen Jesus, den die Christen fürchten - mit seinen blasphemischen Anspielungen bricht er ein Tabu und zeigt damit seinen Kernwählern, dass er der Alte geblieben ist. »Er hat Euch nicht belogen«, ließ er plakatieren. »Wer nicht für mich ist, ist gegen mich«, sagte Jesus. Haiders Plakat-Variante lautete: »Sie sind gegen ihn, weil er für euch ist.« Niemand erlöst uns.
Armin Thurnher ist Chefredakteur der Wiener Stadtzeitung Falter
Jüngstes Buch: Armin Thurnher: Das Trauma, ein Leben. Österreichische
Einzelheiten. Zsolnay Verlag, Wien/München, 335 S., 39,80 Mark Du
sollst recherchieren! von Mia Eidlhuber Wer sagte wann was in welchem Zusammenhang und später dazu ... Haider, 18.08.1988 im ORF-Inlandsreport »Das wissen Sie so gut wie ich, dass die österreichische Nation eine Missgeburt gewesen ist, eine ideologische Missgeburt, denn die Volkszugehörigkeit ist die eine Sache, und die Staatszugehörigkeit ist die andere Sache, und wenn man es jemandem freistellt, sich als slowenischer Österreicher zu bekennen, als ungarischer, als kroatischer, dann muss es auch möglich sein, sich als deutscher Österreicher zu bekennen. Und das ist auch das, was in unserem Programm formuliert ist.« In den Sommergesprächen mit dem österreichischen Fernsehen (ORF) betonte Haider, dass die FPÖ die einzige Partei sei, die »in ihrem Programm mit faschistischen Ideologien und den Chauvinismen der Vergangenheit und Zukunft abgerechnet« habe. Darauf der ORF-Interviewer: »Die FPÖ hat in ihrem Programm kein Bekenntnis zur österreichischen Nation, sie hat eines zum Staatsgebilde Österreich ... Wäre ja im Gedenkjahr, das wir haben ..., ein Schritt in die Richtung, die FPÖ bekennt sich zur österreichischen Nation.« Haider antwortete mit besagtem Zitat. 06.02.2000, Talk in Berlin (n-tv): Moderator Erich Böhme: »... Sie müssen sich ein paar Zitate anhören: 'Die österreichische Nation ist eine Missgeburt'«. Haider: »Falsch, ich habe gesagt: Der Begriff der österreichischen Nation. Das ist ein Unterschied.« Haider, 13.06.1991 im Kärntner Landtag: »Na, das hat's im 'Dritten Reich' nicht gegeben, weil im 'Dritten Reich' haben sie ordentliche Beschäftigungspolitik gemacht, was nicht einmal Ihre Regierung in Wien zusammenbringt. Das muss man auch einmal sagen.« Thematischer Anlass für diese Haider-Äußerung war eine Diskussion zu einem von der SPÖ verlangten Kärntner Ausländerbeschäftigungsgesetz. Im Zuge der Debatte kam es dann zu einer Konfrontation um so genannte Sozialschmarotzer, wobei Landeshauptmann Haider eine Verschärfung der Zumutbarkeitsbestimmungen sowie eine Verkürzung der Einstellungszusagen auf drei Monate vorschlug. Ein SPÖ- Zwischenruf darauf: Dies seien Zwangsmaßnahmen wie im »Dritten Reich«. Haider nahm diesen Ball auf und tat eben genanntes Zitat. Jörg Haider ist deswegen am 21. 06. 1991 als Landeshauptmann in Kärnten abgewählt worden. 13. 06.1991, Klarstellung im Kärntner Landtag: »Dass ich in keiner Weise eine positive Bewertung der Beschäftigung des 'Dritten Reiches' gegenüber der österreichischen Beschäftigungspolitik gemeint habe, das, bitte, auch noch einmal zur Kenntnis zu nehmen.« 14.06.1991 im ORF-Morgenjournal: »Ich habe die (Beschäftigungspolitik, Anm. d. Red.) nicht bewertet. Ich habe nur gesagt, dass sie innerhalb kürzester Zeit ein Maximum an Arbeitsplätzen geschaffen haben - das ist eine historische Tatsache, und das war auch mit ein Grund, warum dieses System in der Anfangsphase sehr erfolgreich gewesen ist.« Haider, 30.09.1995 vor SS-Veteranen in Krumpendorf: »Dass es in dieser regen Zeit, wo es noch anständige Menschen gibt, die einen Charakter haben und die auch bei größtem Gegenwind zu ihrer Überzeugung stehen und ihrer Überzeugung bis heute treu geblieben sind. Und das ist eine Basis, mein lieben Freunde, die auch an uns Junge weitergegeben wird. Und ein Volk, das seine Vorfahren nicht in Ehren hält, ist sowieso zum Untergang verurteilt. Nachdem wir aber eine Zukunft haben wollen, werden wir jenen Menschen, den politisch Korrekten, beibringen, dass wir nicht umzubringen sind und dass sich Anständigkeit in unserer Welt allemal noch lohnt, auch wenn wir momentan nicht mehrheitsfähig sind, aber wir sind den anderen geistig überlegen. ... Wir geben Geld für Terroristen, für gewalttätige Zeitungen, für arbeitsscheues Gesindel, und wir haben kein Geld für anständige Menschen.« Der Österreichische Soldatenverband, Kameradschaft IV in Kärnten, hat den Kursaal von Krumpendorf gemietet, vertreten vom Landessprecher der K-IV, Alfred Jamanek. Der sagte in der »Zeit im Bild 2« (ORF) am 19. 12. 1995: »Nein, der [Haider, Anm. d. Red.] ist nicht als Redner eingeladen worden, sondern er ist aufgetaucht und fragt mich, ob er ein paar Worte sagen dürfte.« Ein anonymer Anwesender dokumentierte Haiders Auftritt auf Video; das Band wurde zuerst in den ARD-»Tagesthemen« am 14. 12. 1995 ausgestrahlt, anschließend am 19. 12. 1995 im ORF. Das Video ist derzeit bei der ARD und im ORF gesperrt, wegen ungeklärter Urheberrechte. 19.12.1995 in der Zeit im Bild 2 (ORF): »Daher möchte ich auch präzise und klar sagen, ich würde meinen Freunden (sic!) immer dafür eintreten, dass dieser älteren Generation Respekt erwiesen wird.« Und am 31.01.2000 im Spiegel: Spiegel: »Richtig bleibt, dass es immer wieder Äußerungen von Ihnen gab, die positive Aspekte der Nazi-Zeit herauszustellen suchten - etwa ... den anständigen Charakter von Angehörigen der Waffen-SS.« Haider: »In einer ziemlich unmissverständlichen Rede habe ich vor einigen Monaten [12. 11. 99, Anm. d. Red.] klargemacht: Für den Fall, dass ich missverstanden worden bin, mache ich einen eindeutigen Trennungsstrich - hier gibt es für mich keine Sympathie, hier gibt es keine positive Besetzung.« Thomas Prinzhorn, 22.09.1999 in den Stuttgarter Nachrichten: »Mit unserer Kinderpolitik wollten wir ein Signal setzen. Asylanten und Ausländer haben eine ganze Reihe von Vorteilen. Sie bekommen zum Beispiel Medikamente zur Hormonbehandlung vom Sozialamt gratis, um ihre Fruchtbarkeit zu steigern, Inländern wird das nur sehr selten gewährt.« Norbert Mappes-Niedick interviewte Thomas Prinzhorn am 19.09.1999. Der Mitschnitt dieses Interviews wurde am 07.02.2000 in der »Zeit im Bild 2« (ORF) ausgestrahlt, nachdem Jörg Haider bestritt, Thomas Prinzhorn habe das gesagt. Originalzitat: »Wenn ein Asylant in dieses Land kommt, kriegt er vom Sozialamt Medikation, die der Inländer nicht bekommt, und zwar alles gratis. Er bekommt zum Beispiel Medikamente zur Hormonbehandlung, um die Fruchtbarkeit zu steigern, vom Sozialamt gratis. Das ist in Österreich chefarztpflichtig und wird ganz selten Inländern gewährt.« 06.02.2000, Talk in Berlin (n-tv): Medienbeauftragter
der OSZE, Freimut Duve, spricht während der Sendung Haider wiederholt
auf die Aussagen von Thomas Prinzhorn an und fragt, warum er nicht aus
der Partei ausgeschlossen werde. Haider dementiert Prinzhorns Aussage
und sagt weiters. Haider: »Wenn er es gesagt hätte, wäre er schon draußen.«
p-tv
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