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Subject: Leben in Karlsdorf
Date: Sun, 1 Oct 2000 19:40:47 -0400

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>Liebe Leute,
>
>Zunächst mal was technisches: Ich habe eine neue Telefonnummer, (410) 467
>2105. Diese Nummer ist jetzt erstmal permanent. Ansonsten hoffe ich, Euch
>mit allgemeinen Betrachtungen über das Leben hier darüber vetrösten zu
>können, daß ich immer noch nicht dazu gekommen bin, den meisten von Euch mal
>eine persönliche e-mail zu schreiben.
>Natürlich ist das Leben überall
>bizarr, aber fern der Heimat mutet es einem immer seltsamer an.
>Es gibt in den USA so vieles nicht: Brauchbare Papiertaschentücher, eßbares
>Brot, Quark, Milch ohne eklige Zusätze, Joghurt mit Fett -- aber halt: es
>gibt unterm Kapitalismus dann doch Mittel und Wege, Reformen in kleinen
>Schritten zu erreichen. Im Supermarkt um die Ecke (Eddie's Market) habe ich
>neulich nur mal beiläufig angefragt, ob es wohl möglich wäre, auch Joghurt
>mit mehr als 1% Fett zu bekommen (welcher auch nicht einfach 1% Fett
>enthält, sondern "zu 99% fettfrei" ist), und eine Woche später stand er im
>Regal, und der Marktleiter wies mich persönlich darauf hin. Der Becher ist
>zwar mit esoterischen Sinnsprüchen verunziert, wie bei den meisten
>organischen Produkten;er trägt aber auch die verheißende Aufschrift "whole
>milk", und ein "Serving" dieses Joghurts deckt 15% meines täglichen
>Fettbedarfes ab; sogar 30% meines Tagesbedarfs an ungesättigten Fettsäuren.
>Das ist wohl der Grund, weshalb ich nun nicht mehr bereits eine halbe Stunde
>nach dem Frühstück wieder hungrig bin. Der absolute Fettgehalt dieses
>Göttergeschenks läßt sich allerdings nur auf Umwegen ermitteln, da der
>Hersteller ihn aus bestimmten Gründen nicht angibt.
>Es gilt also, dem Mysterium des "Serving" auf die Schliche zu kommen. Ein
>Serving umfaßt nach Angaben auf der Packung 227g. Warum? Nach wessen
>Maßstäben? Wer ist hier die Norm? Wessen Konsumgewohnheiten werden
>zugrundegelegt? Muß ich deutlicher werden? -- Offensichtlich wird hier mit
>universalistischen Maßstäben gemessen. Die Unterschiede im
>Joghurtkonsumverhalten von ländlichen Weißen und städtischen Schwarzen,
>hispanischen Frauen und asiatischen Männern werden einer abstrakten
>statistischen Norm subsumiert.
>Exkurs: Washington 1965. Ein Montag im Oktober. Abendnebel umwallt ein
>massives neoklassisches Gebäude. Schnitt: Ein Messingschild, "U.S. Food and
>Drug Administration. Department of Bovine Products. National Dairy Products
>Testing and Classifying Facilities." Kamerafahrt durch abgedunkelte
>Korridore, treppab, Schritte aus dem Off, ein paar Männerschuhe auf
>Linoleum. Der Saum eines weißen Kittels. Durch eine Tür, die sich vor der
>Kamera schließt. Schnitt: Ein neonbeleuchtetes Labor. Ein hagerer Mann im
>weißen Kittel, mit Hornbrille, Anfang 50, leicht schütteres angegrautes
>Haar, Seitenscheitel. Auf einer Präzisionswaage wiegt er eine
>Keramikschüssel ab, justiert die Waage mit einer eleganten, beiläufigen
>Handbewegung auf 0. Mit konzentriertem Gesichtsausdruck löffelt er aus einem
>2-Gallonen-Eimer eine weiße, cremige Substanz in die Keramikschüssel bis sie
>etwa 2/3 voll ist. Zögernd verharrt seine Hand mit dem erneut gefüllten
>Löffel, ehe er dessen Inhalt in die Schüssel gibt. Er fragt mit rauher
>Stimme in den Raum hinein "What do you think, Ray?". Aus dem Off: "Looks
>like a serving to me, Bob." Bob leckt den Löffel ab, lächelt dieses schmale
>Lächeln einer Mischung aus Zufrieden- und Bosheit. Zoom auf die Skala:
>"227g." Ende Exkurs.
>Meinem Joghurtbecher entnehme ich außer Joghurt die Angabe, daß er 907g
>enthält, ein Serving aber 10g Fett beinhaltet. Was ist nun der absolute
>Fettgehalt dieses Joghurts? Er erklärt jedenfall die fehlende Angabe.
>
>Die Gegend nahe des Campus, in der ich wohne, heißt im übrigen Karlsdorf
>(Charles Village), und das kommt daher, daß es hier nur zwei Kneipen gibt,
>in die immer dieselben Leute gehen, und daher kennt man entweder alle die da
>sind, oder wenn man welche nicht kennt, kann man sich sicher sein, daß sich,
>wenn man sie kennenlernt, herausstellt, daß sie jemanden kennen, den man
>kennt. Wenn man das vermeiden will fährt man in den Inner Harbor, der sehr
>touristig ist, und wo niemand hingeht, der von hier kommt, und selbst die
>Kellnerinnen wohnen alle außerhalb, in den Vororten; oder man fährt nach
>Fells Point, einer Amüsiermeile rund um einen Schlepperanlegeplatz, wo es
>viel Lifemusik gibt, und wo man manchmal Leute trifft, denen man in
>Karlsdorf gerade aus dem Wege gehen wollte, was aber egal ist, weil man sie
>Montag sowieso auf dem Campus getroffen hätte.
>
>Es ist alles etwas anders als in Berlin, aber nicht ganz so anders wie in
>Bremen.
>
>Demnächst will ich mich noch mal zu den Themen Religion und warum es hier
>ähnlich ist wie in der DDR äußern; heute habe ich dazu keine Lust mehr.
>
>Schöne Grüße,
>
> Lars
>
>***WERBEBLOCK***
>P.S. Was nur diejenigen unter Euch betrifft, die in den USA wohnen: Ich habe
>einen netten long distance phone service provider, mit dem man für 8
>cents/min. nach Deutschland telefonieren kann, und für 5,9 cents/min.
>innerhalb der USA, zu jeder Zeit, ohne Grundgebühr. Und wenn ich denen
>Kunden empfehle, bekomme ich Prozente. Also tut mir, wenn Ihr derzeit noch
>mehr bezahlt, den Gefallen, Alan bei 'Telegroup' anzurufen. Seine Nummer ist
>1-888-832-3607 (gebührenfrei). Und sagt ihm bitte, daß Ihr auf meine
>Empfehlung anruft.
>Meine Telefonnummer ist (410) 467 2105.
>Von Bemerkungen über meine neu entdeckte Begeisterung für den Kapitalismus
>bitte ich abzusehen. Alles Einschlägige zu dem Thema hat bereits Marx über
>Weitling nach 1848 gesagt. Danke.

(p-tv)


 

 
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